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Erzielen einer internen Nachhaltigkeit mithilfe guter Prozesssicherheitsverfahren

Nachhaltigkeit spiegelt als ganzheitliches Konzept den aktuellen Trend zum Schutz unserer Welt wider. Auch wenn die Nachhaltigkeit üblicherweise mit Umweltproblemen in Verbindung gebracht wird, umfasst heute die Definition der Nachhaltigkeit auch alle sozialen und umweltrelevanten Auswirkungen der Betriebsabläufe eines Unternehmens – von der Sicherheits- und Umweltleistung bis hin zur Ressourcenproduktivität und Kapitaleffizienz. Galp Energia, ein portugiesischer Öl- und Erdgaskonzern, ist zu einer der am meisten geschätzten und nachhaltigen Marken der Iberischen Halbinsel geworden. Das Unternehmen gewinnt Erdöl auf vier Kontinenten und beliefert Millionen von Kunden mit Energie. Die Arbeit mit solch hochgefährlichen Materialien macht das Prozesssicherheitsmanagement (PSM) für Galp zu einem kritischen Thema. Während einer umfassenden Modernisierung der Pipelines der Matosinhos-Raffinerie im Jahr 2004 in der Nähe von Porto, entzündete sich ein Restmenge der leichtentzündlichen Flüssigkeit Naphtha, was zu einer Beschädigung anderer Pipelines und einer Entzündung anderer Brennstoffe führte. Auch wenn niemand ernsthaft verletzt wurde, wurde der Ruf des Unternehmens durch den Vorfall und dessen Fähigkeit, künftig nachhaltige Leistungen zu erbringen, stark in Mitleidenschaft gezogen.

 

Die nachfolgende Untersuchung des Vorfalls zeigte deutliche Unzulänglichkeiten im Prozesssicherheitsmanagement auf und identifizierte einige Punkte in den Verfahren zur Subunternehmerverwaltung, in den Sicherheitsverfahren – vor allem bei Leitungsunterbrechungen und der Warmarbeit – und bei der operativen Disziplin, die besonders besorgniserregend waren. Der Vorstand war zudem der Ansicht, dass das Managementsystem für die Bereiche Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umweltschutz optimiert werden musste.

“Jeder von uns muss die Sicherheit in seine täglichen Arbeitsabläufe integrieren, damit wir unsere Gesamtleistung in den Bereichen Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umweltschutz verbessern und letztlich unser Ziel von null Unfällen erreichen. Nur so können wir eine nachhaltige Zukunft für unser Unternehmen sicherstellen und ein hervorragendes Image vermitteln.”

André Ribeiro, Vorstandsmitglied von Galp Energia

Seit 2000 hat Galp Energia seine Geschäftsaktivitäten durch Akquisitionen auf der Iberischen Halbinsel und in ausgewählten Märkten Afrikas weiter ausgebaut, um zu einem bereichsübergreifenden Unternehmen im Energiesektor zu werden, das unterschiedliche kulturelle Hintergründe, Unternehmensgeschichten und Sicherheitsmanagementverfahren vereint. Dies hat die Herausforderung, das Prozesssicherheitsmanagement zu optimieren, weiter verkompliziert.

 

Ersteinschätzung weist Lücken auf

 

Im Jahr 2005 bat Galp Energia DuPont – ein Unternehmen mit lange etablierten Sicherheitsmethoden und Erfahrungen im Erdöl- und Erdgassektor – seine Sicherheitskultur zu beurteilen und bestehende Sicherheitspraktiken mit den Branchenstandards zu vergleichen. Die DuPont-Berater führten eine Ersteinschätzung durch: durch Werksbesuche und Gespräche mit Mitarbeitern und Führungskräften aller Unternehmenseinheiten in Portugal, wo das Unternehmen zwei Raffinerien betreibt – am Matosinhos-Standort in der Nähe von Porto und in Sines, 200 Kilometer südlich von Lissabon. Die Bewertung zeigte einen Mangel an klar festgelegten Sicherheitsverfahren auf, ein unzureichendes Engagement der Führungskräfte in Bezug auf die Sicherheit und das Fehlen einer integrierten Unternehmenskultur für die Bereiche Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umweltschutz. In der Tat hatte die Geschäftsleitung ihr Sicherheitsengagement nicht hinreichend demonstriert. Hinzu kommt, dass die meisten Mitarbeiter und Subunternehmer, obwohl sie sich der Bedeutung der Sicherheit bewusst waren, sich dafür nicht verantwortlich fühlten. Die Kenntnisse und Fähigkeiten zur Vermeidung von Unfällen waren einzig der Abteilung für die Bereiche Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umweltschutz vorbehalten. Darüber hinaus gab es keine klaren Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen am Arbeitsplatz. Was jedoch noch mehr ins Gewicht fiel, waren die unzureichenden Messverfahren für die Sicherheitsleistung: Unfälle, an denen Subunternehmer beteiligt waren, wurden nicht gemeldet, noch wurden Frühindikatoren für die Sicherheitsleistung bemessen.

 

Als Galp Energia im Jahr 2006 beschloss, an die Börse zu gehen, hatten Weltklasseleistungen in puncto Sicherheit und Umweltschutz bereits immer mehr an Bedeutung gewonnen, und zwar nicht nur zum Erhalt des Lebens und körperlichen Wohlbefindens der Mitarbeiter und Subunternehmer und zum Schutz der Unternehmensressourcen – es galt auch, die Erwartungen der Interessenvertreter und Gemeinschaften hinsichtlich einer allgemeinen Nachhaltigkeit und langfristigen Sicherheit der Menschen zu erfüllen, die in diesen Gemeinschaften leben.

 

Organisatorische Änderungen und umfassende Schulungen schließen Lücken

 

Basierend auf der Ersteinschätzung entwickelten im Jahr 2006 die Berater von Galp Energia und DuPont gemeinsam einen allgemeinen Plan zur Implementierung eines Managementsystems für die Bereiche Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umweltschutz und zur Umgestaltung der Sicherheitskultur von Galp Energia – beide Maßnahmen wurden als Voraussetzung für die Schaffung bewährter Verfahren für die Prozesssicherheit erachtet. Das neue Managementsystem für die Bereiche Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umweltschutz, das auf den 22 Elementen des DuPont-Sicherheitsmodells basiert, umfasste die Gründung einer ganzheitlichen Organisation, die von den einzelnen Abteilungsleitern geführt wird und dem Vorstand rechenschaftspflichtig ist, sowie die Neudefinition der Verantwortlichkeiten der Abteilung für die Bereiche Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umweltschutz für alle Aktivitäten, einschließlich der Subunternehmerverwaltung. Die Ausschüsse für die Bereiche Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umweltschutz sollten als Foren für die Überwachung, Analyse und Entscheidungsfindung dienen. Zusätzlich wurden Exzellenz-Gruppen – die diesen Ausschüssen gegenüber rechenschaftspflichtig waren – eingerichtet, um spezifische Probleme in den Bereichen Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umweltschutz zu beurteilen. Darüber hinaus wurden als Reaktion auf die 22 Elemente des Managementsystems eine Reihe von intern entwickelten Standards für die Unternehmens- und Prozesssicherheit entworfen, die die Erwartungen des Unternehmens verdeutlichen.

 

Da eine effektive Führungsebene für ein optimales Prozesssicherheitsmanagement von entscheidender Bedeutung ist – und Mitarbeitern deutlich vermittelt werden muss, dass ausreichend Zeit und Anstrengungen in die Sicherheit investiert werden – hat Galp Energia mit über 3500 Mitarbeitern auf Leitebene ein umfassendes Fortbildungs- und Übungsprogramm durchgeführt. Die Führungskräfte wurden darüber informiert, welche positiven Auswirkungen gute Sicherheitsverfahren auf das Betriebsergebnis des Unternehmens haben, welche Funktion und Verantwortungsbereiche sie bei der Leitung von Sicherheitsmaßnahmen innerhalb des Unternehmens haben und wie wichtig es ist, ihr Sicherheitsengagement deutlich zu demonstrieren. Neben diesem “weichen”Ansatz wurden detailliertere und technischere Sitzungen auf den entsprechenden Ebenen durchgeführt, um die neu definierten Betriebsstandards zu implementieren und deren praktische Umsetzung in allen Produktionseinheiten zu fördern.

 

Zwischen 2006 und 2010 wurden insgesamt mehr als 25.000 Stunden für Schulungen aufgewendet.

 

Außerdem richtete Galp Energia ein Zwei-Wege-Kommunikationssystem zur Inkenntnissetzung der Mitarbeiter und Subunternehmer über bewährte Verfahren ein, um bei Eintreten eines Zwischenfalls innerhalb des Unternehmens bzw. der Branche informiert zu werden. Des Weiteren startete das Unternehmen eine Kampagne zur Unternehmenskommunikation, um das Bewusstsein der Mitarbeiter und Subunternehmer im Hinblick auf die Rechenschaftspflicht, Überprüfung und Meldung von Vorfällen und die operative Disziplin zu schärfen. Da das Verhalten zur Sicherstellung einer kulturellen Veränderung von grundlegender Bedeutung ist, entwickelte das zusammengesetzte Galp-DuPont-Team auch ein System zur Überprüfung von Verhaltensmustern, das Galp-Führungskräfte bei der Identifizierung von Fehlverhalten in Arbeitsverfahren und von Fehlverhalten bei der Verwendung von PSAs bzw. Tools unterstützen soll, wie auch bei der Identifizierung fehlender bzw. fehlerhaft durchgeführter Prozesse.

 

Das Prozesssicherheitsmanagement schafft eine solide Sicherheitsgrundlage

 

Nachdem die größten kulturellen Lücken geschlossen und die Grundlage für die Managementsysteme für die Bereiche Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umweltschutz geschaffen worden waren, war Galp Energia in der Lage, die stärker technischen und risikobasierten Aspekte anzugehen, die PSMs umfassen. Obwohl das Prozesssicherheitsmanagement im ursprünglichen Bereitstellungsplan aus dem Jahr 2006 als eines der 22 Elemente definiert wurde, mussten sich die Mitarbeiter erst an die Disziplin gewöhnen, die das verhaltensbasierte Sicherheitsmanagement erfordert, bevor sie die folgenden Verfahren verinnerlichen konnten.

 

Das Unternehmen definierte die spezifischen Leistungskennzahlen (KPIs) für PSMs und leitete die Überwachung aller verfahrensbezogenen Vorfälle und Unfälle mittels Überprüfungen ein. Zur Überwachung schwerwiegender Leckagen und Meldung gegenüber der Industrieorganisation Concawe wurden PSM-Kennzahlen der Ebene 1 und 2 festgelegt. Zudem begann Galp, die zentralen PSM-Grundsätze von DuPont für folgende Bereiche zu befolgen: mechanische Integrität, Prozesssicherheitsanalyse, Änderungsmanagement, Vorab-Sicherheitsüberprüfungen sowie Notfallplanung und Notfallmaßnahmen. Auch wenn der Umsetzungsstand dieser Elemente von Unternehmen zu Unternehmen variiert, gibt es jetzt allgemeingültige, unternehmensübergreifende Anforderungen. Das Unternehmen schulte zudem seine Mitarbeiter, damit diese Prozessrisiken in den verschiedenen Phasen des Lebenszyklus von Ausrüstungen identifizieren, bewerten und verwalten können. Schließlich verfügt nun auch jede Führungskraft über Kennzahlen zur Leistung der eigenen Unternehmensabteilung für Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umweltschutz. Alle Mitarbeiter wie auch Subunternehmer werden aktiv ermutigt, kleinere und Beinaheunfälle zu melden – dies stellt eine proaktive Form der Überprüfung dar, mit der Wiederholungsfälle vermieden werden sollen. Dadurch konnte Galp bis Ende 2010 schwerwiegende, prozessbedingte Unfälle in all seinen Unternehmen reduzieren. Auch wenn das Unternehmen sein Ziel von null Unfällen noch nicht erreicht hat, hält es dieses Ziel jetzt für realisierbar.

 

Internationale Anerkennung für sein konstantes Streben nach Verbesserung innerhalb von vier Jahren; Galp Energia konnte die Leistung der Unternehmensabteilung für Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umweltschutz deutlich verbessern. Die LWIF-Rate des Unternehmens (LWIF steht für “Lost Workday Injury Frequency”, d. h. die Gesamtzahl der registrierten Verletzungen mit verlorenen Arbeitstagen) fiel von 3,4 im Jahr 2008 (Beginn der Erfassung von Unfalldaten für Mitarbeiter und Subunternehmer) auf 2,1 im Jahr 2009. Diese Rate wurde von 2009 bis 2010 auf einen LWIF-Wert von 1,2 weiter gesenkt. Wie Guido Albuquerque – Unternehmensleiter der Einheiten für Gesundheit, Arbeitssicherheit, Umweltschutz und Qualität bei Galp Energia – bemerkte: “Auch wenn Galp Energia im Jahr 2009 einen Todesfall im Unternehmen verzeichnen musste, erzielte es eine erstklassige LWIF-Rate. Unser Unternehmen wurde außerdem von den beauftragenden Unternehmen internationaler Expansionsprojekte ausgezeichnet.”

 

Diese Verbesserung ist umso spektakulärer, wenn man bedenkt, dass im Jahr 2010 das Risikoniveau im Unternehmen infolge der Einrichtung einer neuen Hydrocrackanlage in der Sines-Raffinerie und der Einrichtung neuer Vakuum- und Visbreaker-Anlagen in der Matosinhos-Raffinerie gestiegen ist. Die steigende Anzahl der Meldungen in den letzten drei Jahren, insbesondere im Falle von kleinen und Beinaheunfällen, spiegelt außerdem eine signifikante Verbesserung des Meldeverfahrens wider und steht stellvertretend für ein besseres Verständnis der Mitarbeiter hinsichtlich der Bedeutung der Meldepflicht zur Vermeidung von Wiederholungsfällen.

 

Helder Figueira zufolge – einem der wichtigsten, am Projekt beteiligten DuPont-Berater – konnte Galp Energia sein System für das Prozesssicherheitsmanagement durch die umfassende Reorganisation des Linienmanagements der Abteilung für Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umweltschutz und der strukturellen Verantwortlichkeiten optimieren. Dadurch konnte das Engagement aller Führungskräfte gesteigert und die Einstellung unserer Mitarbeiter und Subunternehmer im Hinblick auf die Sicherheit und ihre Verhaltensweisen grundlegend geändert werden. Ein wichtiger Aspekt des kulturellen Wandels von Galp Energia ist, dass die Sicherheit – wie auch der Umweltschutz – nun als Kernwert des Unternehmens integriert wurde.”

 

Galps Pläne für die Zukunft

 

Da das Prozesssicherheitsmanagement ein klarer Schwerpunktbereich ist, beabsichtigt Galp Energia seine aktuellen Aktivitäten fortzuführen, um die internationalen Standards der Richtlinien zur Prozesssicherheit zu erfüllen. So möchte Galp Energia sein aktuelles Überwachungssystem um Indikatoren der Ebene 3 und Ebene 4 erweitern, um nicht nur schwerwiegende Leckagen nachverfolgen zu können, sondern auch andere Ereignisse und Beinaheunfälle, die zu unerwünschten Vorfällen führen können.

 

Die gute Leistung, die Galp Energia erzielt hat, hat das Unternehmen ermutigt, die erworbene Expertise im Bereich Sicherheitsmanagement auf andere Länder auszuweiten, in denen das Unternehmen tätig ist – geplant sind zunächst Aktivitäten zum Kraftstoffvertrieb in Spanien und zur Gewinnung und Produktion in Brasilien. Am spanischen Standort wurden Schulungen durchgeführt und Unfälle werden auf dieselbe Weise wie in Portugal gemeldet und untersucht.  “Auch wenn noch ein weiter Weg vor uns liegt; wir sind der festen Überzeugung, dass der Grad an operativer Disziplin, den wir erreicht haben, unsere Arbeitsweise grundlegend verändert und unsere Gesamtleistung deutlich gesteigert hat”. Die Schlussfolgerung von Guido Albuquerque lautet: “Dieses Projekt war ein Impulsgeber und die in Bezug auf das Prozesssicherheitsmanagement erworbenen Kenntnisse können nun auf alle Bereiche der Unternehmensgruppe angewendet werden, um interne Nachhaltigkeit zu erreichen und ein positives Bild unseres Unternehmens zu vermitteln.”

 

Galp Energia ist ein integrierter, portugiesischer Öl- und Erdgaskonzern. Seine Aktivitäten reichen von der Gewinnung und Produktion von Erdöl bis hin zur Verfeinerung und Vermarktung von Erdölprodukten, Erdgas, Energieerzeugungsanlagen und Elektrizität. Die Verfeinerungs- und Vermarktungsaktivitäten konzentrieren sich auf die Iberisch Halbinsel. Außerdem ist das Unternehmen ist im Südatlantik – im Salzbecken von Santos und an der Küste Angolas – stark vertreten. Galp Energia ist eine Aktiengesellschaft mit 7311 Mitarbeitern in 13 Ländern.